„Green Tech im besten Wortsinn“

Jürgen Benker, Investmentberater und langjähriger Begleiter der Arva AG über Zukunftschancen, moralische Verpflichtungen und den Einfluss der Krim-Krise auf den Geschäftsverlauf.

Herr Benker, Sie begleiten die Arva AG schon seit mehreren Jahren als Finanzberater. Im vergangenen Jahr ist das Unternehmen in Schieflage geraten? Wie kam es aus Ihrer Sicht dazu?

Vielleicht zunächst ein kurzer Rückblick: Ich habe den Gründer der Vorgängergesellschaft MOG AG, Genadi Man, 2008 auf einer Konferenz kennengelernt. Das Unternehmen war damals börsennotiert, hatte eine gute Reputation und ein tolles Produkt, insbesondere die STORM-15, eine seinerzeit völlig neu entwickelte Anlage für die Reinigung von Ölschlämmen und die Rückgewinnung des enthaltenen Rohöls. Für den internationalen Aufbau der Firma war Kapital nötig. So bot ich mich an, bei der Investorensuche zu helfen. Wir wurden schnell fündig und konnten Geld für die Expansion einwerben.

Es zeichneten sich aber schon bald grundsätzliche Probleme ab. Es gab beispielsweise keine wirklich nachhaltige Unternehmensplanung, die Managemententscheidungen waren oft sprunghaft. Auch in die Entwicklung des Teams wurde zu wenig investiert, der Zusammenhalt fehlte, ebenso eine klare Vision, wo die Reise hingehen sollte.


Und dann nahm die Talfahrt ihren Lauf?

Richtig. Dazu kam Pech. Der erste Großauftrag über den Einsatz einer STORM-Anlage war erfolgreich in der Ukraine angelaufen und produzierte Cashflow. Das war der Beleg, dass die Technologie funktioniert, und damit eine wertvolle Referenz. 2013 wurde der Auftraggeber TNK-BP dann vom russischen Staatskonzern Rosneft übernommen. Wenig später begann die Krise auf der Krim, wo auch die Maschine im Einsatz war. Das Geschäft war gestorben. Das Unternehmen geriet jetzt in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten.

Ende 2015 drohte endgültig die Insolvenz. Es gab Stimmen im Gesellschafterkreis, die für eine Abwicklung plädiert haben und eine neue Gesellschaft mit gleichem Geschäftszweck gründen wollten. Dagegen habe ich von Anfang an gekämpft. Weil es langjährige Investoren gibt, die dem Unternehmen lange treu sind und für die ich mich verantwortlich fühle. Daraus ergab sich aus meiner Sicht auch eine moralische Verpflichtung, die Firma zu retten. Zudem habe ich stark bezweifelt, dass sich das Geschäftsmodell so einfach kopieren lässt, insbesondere, was Patente und Lizenzen angeht. Wir konnten dann die Mehrheitseigner überzeugen, dass der Turnaround gute Chancen. Bernd Sydow, der erst kurz zuvor als Investor eingestiegen war, übernahm zunächst interimsmäßig die Rolle des Finanzvorstands, um die Konsolidierung einzuleiten, und wurde einige Monate später zum CEO berufen.


Wie schätzen Sie die Lage heute ein?

Das Feedback der Investoren gegenüber dem neuen Management ist heute sehr positiv. Die Bilanzen sind inzwischen bereinigt, Einigungen mit Gläubigern sind getroffen worden, die Insolvenz wurde abgewendet. Kurz: Die Krise ist überstanden, nicht zuletzt, weil hier nach Art des ehrbaren Kaufmanns Altlasten aktiv abgebaut worden sind.

Ich habe in der Vergangenheit öfter den Kopf hinhalten müssen, um mich vor Investoren zu rechtfertigen. Jetzt freue ich mich sehr über den Neustart, auf die gute Phase, die jetzt beginnt, und die aus meiner Sicht lange dauern wird.


Wie wird man eigentlich Financial Advisor? Und was tun Sie für Ihre Kunden?

Ich bin gelernter Banker. Nach dem BWL-Studium habe ich ein Trainee-Programm in einer Großbank absolviert und mich anschließend zum Certified European Financial Analyst, kurz CEFA, ausbilden lassen. Nach Stationen im Asset Management, Investmentbanking, Equity Sales und Trading bei verschiedenen Banken war ich von 2000 bis 2009  beim Bankhaus Sal. Oppenheim beschäftigt. Mit meinem Team haben wir zunächst das institutionelle Aktiengeschäft aufgebaut. Zuletzt war ich als Senior Vice President im Investmentbanking und Equity Sales / Trading tätig und verantwortlich für die Regionen Süddeutschland, Österreich, Italien und Schweiz. Dann kam die Bankenkrise, neue Strukturen hielten Einzug im Banking und die Bank wurde aufgesplittet. Mein Bereich und ich wurden von Maquarie übernommen, einer australischen Investmentbank mit Schwerpunkt Infrastruktur.

Ich dachte damals: Wenn ich mich schon neu erfinden muss, dann tue ich das auf eigene Verantwortung und habe mich selbständig gemacht. Durch meine langjährigen Kontakte in der Finanzwirtschaft habe ich seitdem viele kleine und mittlere Unternehmen erfolgreich in Finanzierungsrunden und bei der Investorensuche begleitet, insbesondere in den Bereichen Health Care und Biotech. Wir beraten mit einem kleinen Team von Analysten und Finanzierungsspezialisten börsennotierte Unternehmen, private Investoren und Family Offices, oft in Zusammenarbeit mit Banken, Pensionskassen und Investmentfonds. Oft geht es dabei um Unternehmensbewertungen und das Matching zwischen Wachstumschancen und Investoren, um Unternehmen und Kapitalgeber beim bestmöglichen Deal zu unterstützen.


Was raten Sie dem Management der Arva aktuell?

Die wichtigsten Fragen derzeit lauten: Wieviel Kapital braucht es, um das geplante Wachstum zu finanzieren? Und wo kommt das Geld her? Da der Cashflow momentan nicht ausreicht, um die Pläne umzusetzen, müssen wir zunächst mittelfristig die Liquidität sichern, bis die Umsätze wie geplant kommen. Eigen- oder Fremdkapital – das ist die nächste Frage, also neue liquide Mittel über eine Barkapitalerhöhung oder über Darlehen. Wir setzen derzeit auf Private Equity, also Eigenkapital von bestehenden und neuen privaten Investoren, die wie wir vom Potenzial des Unternehmens überzeugt sind.


Klingt nach einem guten Plan. Wie soll der umgesetzt werden?

Wir haben in den vergangenen Wochen und Monaten viele aussichtsreiche Gespräche geführt und sind derzeit in Verhandlungen. Der nun folgende Prozess muss stufenweise ablaufen. Anfang kommenden Jahres soll im Rahmen einer Gesellschafterversammlung eine Kapitalerhöhung stattfinden. Zunächst müssen wir den Preis pro Aktie festlegen. Dieser muss sowohl für die Altaktionäre als auch für die neuen Investoren attraktiv sein. In die Berechnung fließen verschiedene Faktoren ein. Wie bewerten wir die Aussichten auf Neugeschäft? Wie schätzen wir das Potenzial der Arva-Technologien auf den internationalen Märkten ein? Was ist die Lizenz für das einzigartige NHS+-Verfahren wert? Wie sind das aktuelle Team und der Vertrieb aufgestellt? Welche Ergebnisse bringen die avisierten Pilotprojekte?


Wie geht’s weiter, wenn diese Fragen beantwortet sind?

Zunächst gilt es, die Planungen für 2017 zu finanzieren, dann müssen wir den Geschäftsverlauf der ersten beiden Quartale evaluieren. Verläuft der nach Plan, halte ich eine Steigerung des Aktienwertes auf 7,50 Franken für realistisch. Entwickelt sich das Unternehmen weiter wie geplant, halte ich mittelfristig eine Bewertung von 15 bis 20 Franken pro Aktie für angemessen. Damit hätte das Unternehmen zum Ende des kommenden, Anfang des übernächsten Jahres einen Wert zwischen 45 und 60 Millionen Franken. Das Unternehmen hatte zu Bestzeiten ja bereits einen Marktwert von über 80 Millionen Franken, bevor das Papier aufgrund der Unternehmenskrise von der Börse genommen wurde. Heute stehen wir sehr viel besser da. Deshalb halte ich die skizzierte Entwicklung für sehr realistisch.


Das heißt, Sie sehen Arva bald schon an der Börse?

Mittelfristig sollte die Arva AG aus meiner Sicht ein Börsenlisting anstreben, vielleicht schon Ende 2018. Das würde nicht nur die Finanzlage weiter stabilisieren, sondern auch das Geschäftsmodell “Green Technologies” promoten und entsprechende Investoren wie Fonds auf das Unternehmen aufmerksam machen, die sich auf Investments in nachhaltige Umwelttechnologien spezialisiert haben. Man erschließt sich so Investoren, die sonst nicht kaufen könnten oder würden, weil sie das Unternehmen schlicht nicht kennen oder nur in börsennotierte Firmen investieren. Zudem erleichtert es einen späteren IPO, also einen von Investmentbanken begleiteten, “großen” Börsengang.


Was muss bis dahin passieren?

Aktuell geht es darum, die Firma weiter zu stabilisieren. Wenn das aktuelle Team so weiter arbeitet und noch zusätzliche Kompetenzen an Bord kommen – und die Voraussetzungen für beides sind hervorragend – dann sehe ich große Potenziale. Jetzt muss das Management das Rollout der Produkte und Leistungen vorantreiben. Neben der Produktentwicklung stehen Vertriebsthemen ganz oben auf der Agenda. Jeder kluge Investor versteht, dass es dafür Kapital braucht. Der “proof of concept”, also der Beleg, dass die Technologie im Labormaßstab funktioniert, ist ja längst erbracht. Wenn NHS+ in den anstehenden Pilotprojekten ebenso erfolgreich funktioniert und im nächsten Schritt die STORM-Reinigungsanlage in der Dekontamination von Ölschlämmen wieder in Betrieb geht, sind die Chancen für die positive Entwicklung des Unternehmens noch weit größer als eben umrissen. Ich habe auch nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich riesige Möglichkeiten für Arva sehe. Heute sind die Voraussetzungen dafür besser denn je.


Worauf stützen Sie diese positiven Erwartungen?

In einem Satz: Die Arva AG bietet “State of the Art Cleantech”. Also eine Technologie, die zu nahezu 100% ölbasierte Verschmutzungen umweltneutral beseitigt. Das Problem und seine Lösung sind absolut nachvollziehbar, weil wir alle wissen, dass überall auf der Welt große Probleme durch Umweltverschmutzungen mit Kohlenwasserstoffen existieren. Die bisher am Markt verfügbaren Reinigungsmethoden bieten nicht das Potenzial der Arva-Technologie, denn die ist “Green Tech” im besten Wortsinn. Die Kombination aus den nachgewiesen Abbauraten und der Abwesenheit von giftigen Überbleibseln ist aus meiner Sicht einmalig.


In welchem Geschäftsfeld und in welchen Märkten sehen Sie die größten Chancen?

Gleisbettreinigung für Bahngesellschaften ist ein großes Thema. Noch aussichtsreicher ist nach meiner Einschätzung die Sanierung von Liegenschaften mit ehemaliger Industrienutzung und in Gebieten mit Ölförderung. Wir haben weltweit riesige Flächen, zum Teil in innerstädtischen Toplagen oder in fruchtbaren Agrargebieten, die wegen der Bodenbelastungen stillgelegt werden mussten und jetzt brach liegen. Diese Grundstücke lassen sich mit dem Arva-Verfahren wieder nutzbar machen. Hier sehe ich aktuell die größten Potenziale.

2017-10-30T23:22:28+00:00 Mai 20th, 2017|Arva intern, Finanzen, Management, Strategie|